Perdasdefogu – Im Dorf, in dem Zeit eine andere Bedeutung hat

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Perdasdefogu

Wo das Alter nicht zählt, sondern das Leben

Es gibt Orte, die spürt man schon, bevor man sie wirklich kennengelernt hat. Perdasdefogu, ein kleines Bergdorf im Osten Sardiniens, war für mich genau so ein Ort. Seit vielen Jahren wollte ich einmal dorthin reisen. In das Dorf, das weit über die Grenzen Sardiniens hinaus als eines der Dörfer der Hundertjährigen bekannt geworden ist.

Als ich nach einer langen Fahrt über enge Bergstraßen mit meinem Jeep Geronimo dort ankam, war es bereits früher Nachmittag. Die Sonne brannte vom Himmel und die Straßen lagen fast menschenleer vor mir. Erst nach einer Weile fiel mir wieder ein, was ich auf meinen vielen Reisen durch den Mittelmeerraum eigentlich längst gelernt hatte: Zwischen Mittag und dem späten Nachmittag kehrt hier Ruhe ein. Die Sarden nennen es umgangssprachlich „Riposo“, also die Mittagspause. Viele Geschäfte schließen. Die Menschen ziehen sich in ihre Häuser zurück. Nicht weil sie faul sind, sondern weil sie den Rhythmus der Natur respektieren und gelernt haben, dass es einfach wenig Sinn macht, in der heißesten Tageszeit aktiv zu sein.

So begegnete ich deutlich weniger Menschen, als ich gehofft hatte. Die alten Damen und Herren saßen vermutlich im angenehm kühlen Wohnzimmer, statt draußen vor ihren Häusern. Und doch hatte dieser Tag etwas ganz Besonderes.

Ich lief langsam durch die Hauptstraße Via Emanuele. Auf beiden Seiten hingen große Schwarz-Weiß-Porträts der ältesten Bewohner des Dorfes. Viele von ihnen leben noch heute. Ich blieb einen Moment stehen und fragte mich, wie viele dieser Gesichter wohl ihr ganzes Leben hier verbracht haben. Menschen, die schwere Zeiten erlebt, Familien gegründet und Generationen aufwachsen sehen haben. Plötzlich wirkten die Bilder nicht mehr wie Fotografien, sondern wie Fenster in ein langes, erfülltes Leben. Sie erzählten von Respekt. Von Dankbarkeit. Und davon, dass Alter hier nicht versteckt, sondern geehrt und wertgeschätzt wird.

Perdasdefogu
Vittorio Palmas
Alte Dame über 100
Maria Brundu
Bonino Lai
Luigino Depau
Antonio Brundu
Schwarz-Weiß-Porträts der Hundertjährigen in der Hauptstraße von Perdasdefogu

Ein Dorf mit einer besonderen Geschichte

Perdasdefogu liegt eingebettet zwischen den Bergen der Ogliastra. Die Landschaft ist rau, ursprünglich und auf ihre ganz eigene Art wunderschön. Hier scheint die Zeit tatsächlich etwas langsamer zu vergehen.

Viele Familien leben bereits seit Generationen hier. Man kennt sich. Man hilft sich. Die Familie spielt bis heute eine zentrale Rolle. Mehrere Generationen verbringen Zeit miteinander. Die Großeltern gehören ganz selbstverständlich zum Alltag. Sie werden gebraucht, ihnen wird zugehört und sie werden wertgeschätzt.

Vielleicht ist genau das eines der ersten Geheimnisse eines langen Lebens. Wer sich gebraucht und geliebt fühlt, hat jeden Morgen einen guten Grund aufzustehen.

Während meiner kleinen Spaziergänge kam ich immer wieder mit Einheimischen ins Gespräch. Die Menschen begegneten mir offen, freundlich und ohne jede Hektik. Niemand schien es eilig zu haben. Es wurde gelächelt, erzählt und gefragt, woher ich komme. Diese Herzlichkeit ist schwer zu beschreiben. Man muss sie einfach erleben.

Eine ältere Dame führte mich schließlich in das Informationsbüro, damit ich möglichst viel über ihr Dorf und die Menschen erfahren konnte. Welchen großartigen Tipp ich dort noch erhalten habe, das erzähle ich Euch in einer anderen Foodhunter-Story.

Die ursprüngliche Landschaft der Blue Zone in Ogliastra auf Sardinien
Perdasdefogu auf Sardinien – das Dorf der Hundertjährigen in der Blue Zone
Blick auf Perdasdefogu im Bergland der Region Ogliastra auf Sardinien
Hausgemälde
Bienenbild
Jeep Geronimo

Das Geheimnis der Hundertjährigen

Natürlich wird man nicht einfach deshalb hundert Jahre alt, weil man in Perdasdefogu lebt. Doch Wissenschaftler beschäftigen sich seit vielen Jahren genau mit dieser Region.

Immer wieder tauchen dieselben Gemeinsamkeiten auf.

Die Menschen bewegen sich ihr ganzes Leben ganz selbstverständlich. Nicht in einem Fitnessstudio, sondern bei der Arbeit, im Garten oder auf den steilen Wegen rund um das Dorf. Sie laufen den ganzen Tag und bleiben dadurch bis ins hohe Alter beweglich.

Sie essen die einfachen Dinge, die ihr Garten hervorbringt. Viel Gemüse, Hülsenfrüchte, Kräuter, etwas Käse, echter Bienenhonig, viel gutes Olivenöl und nur wenige bis gar keine industriell verarbeiteten Lebensmittel. Alles ist hier frisch. Alles saisonal. Oft aus dem eigenen Garten oder aus der direkten Umgebung. Es kommt auf den Tisch, was die Natur gerade schenkt.

Stress scheint hier eine deutlich kleinere Rolle zu spielen als in vielen Teilen unserer modernen Welt. Das bedeutet keineswegs, dass das Leben hier immer leicht war. Ganz im Gegenteil. Viele der älteren Bewohner haben sehr harte Zeiten erlebt. Doch sie scheinen gelernt zu haben, Herausforderungen anzunehmen, statt dauerhaft gegen sie anzukämpfen. Kaum jemand beschwert sich oder jammert über das Leben.

Und dann ist da noch dieses starke Miteinander. Einsamkeit, die heute als einer der größten Risikofaktoren für unsere Gesundheit gilt, scheint hier deutlich seltener zu sein. Man trifft sich. Man isst gemeinsam. Man kümmert sich umeinander. Das Leben findet nicht nur hinter verschlossenen Türen statt. In einem kleinen Café durfte ich genau dieses Miteinander selbst erleben.

Eingang
Bar
Innenbereich
Mike Aß,amm

Vielleicht suchen wir manchmal am falschen Ort

Während ich durch Perdasdefogu lief, dachte ich immer wieder darüber nach, warum wir in unserer modernen Welt so oft nach der einen Wunderpille suchen. Nach dem perfekten Nahrungsergänzungsmittel. Nach der nächsten Diät. Nach dem geheimen Biohack.

Doch vielleicht liegt die Antwort gar nicht in etwas, das wir zusätzlich kaufen oder einnehmen müssen.

Vielleicht beginnt ein langes und erfülltes Leben viel früher. Mit gutem Essen. Mit natürlicher Bewegung. Mit Menschen, die uns wichtig sind und die uns lieben. Mit genügend Zeit für Gespräche. Mit einem Alltag, der nicht ständig schneller werden muss.

Perdasdefogu hat mir keine spektakulären Antworten gegeben. Und genau das macht diesen Ort so besonders.

Mehr Leben in den Jahren

Als ich das Dorf am späten Nachmittag wieder verließ, hatte ich wunderschöne Bilder aufgenommen und einige berührende Begegnungen erlebt. Es waren vielleicht weniger Gespräche, als ich mir ursprünglich gewünscht hatte. Aber manchmal erzählen auch stille Straßen ihre ganz eigene Geschichte.

Perdasdefogu erinnert uns daran, dass Longevity weit mehr bedeutet, als möglichst viele Kerzen auf einer Geburtstagstorte auszublasen. Es geht darum, den Jahren Leben zu schenken. Genau das war die größte Erkenntnis meiner ersten Reise durch Sardinien.

Nicht um jeden Preis länger leben zu wollen. Sondern die Jahre, die wir haben, bewusster zu genießen. Genau das scheinen die Menschen hier seit Generationen verstanden zu haben.

Veröffentlicht von The Gourmet Manufactory Est. 2015
The Gourmet Manufactory Est. 2015

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Text: Gourmet Manufactory Est. 2015
Bild: Gourmet Manufactory Est. 2015

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