
Die schönsten Geschichten passieren oft einfach so
Manche der schönsten Geschichten auf meinen Reisen kann man nicht planen. Sie laufen mir über den Weg und oft passieren sie einfach.
So war es auch an diesem Tag auf unserer Tour zum Castle von Methoni. Wir waren am Abend zu einem sehr privaten Fest in einem kleinen griechischen Dorf eingeladen worden. Keine touristische Veranstaltung, keine für Besucher inszenierte Show, sondern ein Fest zum Beginn der Olivenernte und für das Brot, bei dem die Menschen aus dem Dorf zusammenkommen, miteinander reden, lachen, essen und das Leben genießen.
Und mittendrin begegnen wir einer Frau, die diesen Tag für mich zu einem ganz besonderen Erlebnis machen sollte: Oma Kiki.
Oma Kiki ist 85 Jahre alt. Und wenn man sie erlebt, spürt man schnell, dass diese Zahl eigentlich überhaupt keine Rolle spielt. Mit einer wunderbaren Selbstverständlichkeit und einer Lebensfreude, die ansteckend ist, steht sie da und tut etwas, das sie schon ihr ganzes Leben lang unzählige Male getan hat.
Sie backt Brot. Aber nicht irgendein Brot. Oma Kiki backt Sauerteigbrot nach einem alten Rezept und auf eine Art, wie es in ihrer Familie und vielleicht auch in diesem Teil Griechenlands schon seit Generationen gemacht wird.
Wenn Hände Geschichten erzählen
Ich liebe solche Momente. Weil sie uns daran erinnern, wie wenig es manchmal braucht, um etwas wirklich Wundervolles entstehen zu lassen. Keine komplizierten Maschinen, keine industrielle Produktion und keine Zutatenliste, für die man oft erst einmal ein Wörterbuch benötigt.
Stattdessen braucht es gute Zutaten, Erfahrung, Geduld und zwei Hände, die genau wissen, was sie tun. Und, um es nicht zu vergessen, einen lebendigen Sauerteigansatz, der oft schon sehr alt ist.
Wir dürfen Oma Kiki an diesem Tag bei der Arbeit über die Schulter schauen. Mit einer beeindruckenden Ruhe bereitet sie ihren Teig zu. Sie knetet ihn mit ihren Händen, prüft immer wieder seine Konsistenz und scheint dabei genau zu spüren, wann er richtig ist.
Es gibt Dinge, die kann man nicht aus einem Kochbuch lernen. Man kann sie nur fühlen. Und man muss sie einfach immer und immer wieder tun.
Wenn ich Oma Kiki dabei beobachte, wird mir bewusst, wie viel Erfahrung in diesen Händen steckt. Ein Wissen, das über Jahrzehnte gewachsen ist und früher ganz selbstverständlich von einer Generation an die nächste weitergegeben wurde.
Nicht wie heute über YouTube. Nicht über Instagram. Und auch nicht in einem Onlinekurs. Sondern in der Küche, am großen Tisch oder direkt am Backofen draußen im Garten. Die Kinder schauten ihren Müttern und Großmüttern zu, halfen irgendwann selbst mit und bewahrten auf diese Weise Rezepte, Handgriffe und Traditionen.


Ein gutes Sauerteigbrot braucht seine Zeit
Sauerteig mag es nicht, wenn man ihn hetzt. Ein guter Teig bekommt die Zeit, die er braucht. Später werden daraus die einzelnen Brotlaibe geformt. Wieder sind es Oma Kikis Hände, die jedem Brot seine Form geben. Jeder Handgriff sitzt. Nichts wirkt hektisch. Sie macht das mit gewohnter Routine und Gelassenheit.
Währenddessen wird immer wieder der Ofen kontrolliert. Auch hier entscheidet am Ende nicht irgendeine digitale Anzeige über den richtigen Zeitpunkt. Es sind Erfahrung und Gefühl. Dann kommen die Brote in den Ofen.
Und irgendwann liegt dieser unverwechselbare Duft von frisch gebackenem Brot in der Luft. Ein Duft, den vermutlich fast jeder Mensch mit irgendeiner Erinnerung verbindet. Vielleicht mit Erfahrungen in der eigenen Kindheit. Mit den Großeltern. Mit einem Frühstück am Sonntagmorgen. Oder einfach mit diesem wunderbaren Gefühl von Zuhause.
Für mich ist Brot ohnehin viel mehr als nur ein Lebensmittel. Brot steht für Gemeinschaft. Für einen gedeckten Tisch. Für das Teilen. Für Menschen, die zusammensitzen und sich Zeit füreinander nehmen.



85 Jahre und mitten im Leben
Während ich Oma Kiki beobachte, denke ich irgendwann darüber nach, was es eigentlich in meiner Welt bedeutet, 85 Jahre alt zu sein.
Wir sprechen heute viel über Longevity, über gesundes Altern und darüber, wie wir möglichst lange fit und vital bleiben können. Wir diskutieren über Ernährung, Bewegung, Schlaf und die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse.
Und ohne Frage, all das ist sehr wichtig. Das Wichtigste für mich ist heute mehr denn je die Freude daran, noch immer gebraucht zu werden. Die enge Verbindung zu anderen Menschen. Eine sinnvolle Aufgabe zu haben. Teil einer Gemeinschaft zu sein. Traditionen weiterzugeben. Mit den eigenen Händen etwas Wertvolles zu erschaffen.
Und vielleicht ist es auch einfach die Freude am Leben selbst. Oma Kiki hält an diesem Tag keinen Vortrag darüber. Sie lebt es einfach vor. Ich bekomme Tränen in die Augen, wenn ich sie beobachte.

Der Moment, auf den wir alle gewartet haben
Irgendwann ist es dann so weit. Die fertigen Brote werden aus dem Ofen geholt. Außen kräftig gebacken, innen wunderbar duftend. Keine industriell gefertigten Brote, bei denen eines aussieht wie das andere. Jedes von ihnen trägt die Handschrift der Frau, die es gemacht hat.
Und dann endlich dürfen wir probieren. Ich stehe dort, umgeben von Menschen, die ich ohne diese Reise vermutlich niemals kennengelernt hätte, und esse ein Stück Sauerteigbrot, das eine 85-jährige griechische Großmutter nach einem alten Rezept gebacken hat.
Genau das sind die Momente, für die ich es liebe, Foodhunter geworden zu sein. Natürlich liebe ich gutes Essen. Ich entdecke gern außergewöhnliche Produkte, besuche kleine Manufakturen und lerne Produzenten kennen, die mit Leidenschaft an ihren Lebensmitteln arbeiten.
Aber am Ende geht es mir heute um viel mehr. Es geht um die Geschichten hinter dem Essen. Um so wundervolle Menschen wie Oma Kiki.
Um das Wissen, das von Generation zu Generation weitergegeben wird. Um die Traditionen, die weiterleben, weil irgendwo auf dieser Welt noch jemand steht und sagt: So haben wir es immer gemacht. Und ich mache es weiter.




Heute glaube ich immer mehr: Genau das ist der wahre Luxus
Später geht dieser besondere Tag weiter. Menschen sitzen zusammen, es wird gegessen, getrunken, erzählt und gelacht. Für ein paar Stunden dürfen auch wir Teil dieser Gemeinschaft sein.
Und während ich irgendwann zurückblicke, denke ich darüber nach, wie sehr wir unser Leben manchmal verkompliziert haben. Wir suchen ständig nach dem Neuen, dem Schnelleren und dem vermeintlich Besseren. Dabei liegen einige der schönsten Dinge vielleicht längst vor uns.
Oma Kiki hat mir an diesem Tag gezeigt, wie man Sauerteigbrot nach alter Tradition backt. Aber sie hat uns auch, ohne es selbst zu wissen, noch etwas viel Wertvolleres mitgegeben. Die Erinnerung daran, dass die wirklich guten Dinge im Leben Zeit brauchen. Dass wir Menschen brauchen, mit denen wir sie teilen können.
Und dass es am Ende vielleicht gar nicht nur darauf ankommt, wie viele Jahre wir unserem Leben hinzufügen. Sondern darauf, wie viel Leben wir unseren Jahren geben.
Mein Foodhunter-Geheimtipp
Eine Kleinigkeit ist mir beim Backen übrigens besonders aufgefallen. Während Oma Kiki den Sauerteig mit ihren Händen knetete, gab Janis immer wieder einen kleinen Schluck Olivenöl zum Teig. Natürlich habe ich mich gefragt, warum.
Olivenöl kann einen Brotteig geschmeidiger machen und sorgt dafür, dass die Krume weicher und saftiger bleibt. Das Fett beeinflusst die Teigstruktur und kann gleichzeitig dazu beitragen, dass das fertige Brot nicht so schnell austrocknet und länger frisch bleibt. Und natürlich bringt ein gutes Olivenöl auch seinen ganz eigenen Geschmack mit ins Brot.
Vielleicht ist das also eines der kleinen Geheimnisse von Oma Kikis Sauerteigbrot: Zeit, Erfahrung, ganz viel Gefühl – und zwischendurch immer wieder ein kleiner Schluck gutes griechisches Olivenöl.
Das Youtube-Video zur Story findet Ihr hier: Foodhunter-Youtubekanal.


